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Warum die Regierungskommission das „Apply-and-Explain“-Prinzip falsch interpretiert  

Apply-and-Explain

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Die Regierungskommission hat einen neuen Governance-Grundsatz entdeckt: Infolge der aktuellen Kodex-Reform soll das „Apply-and-Explain“-Prinzip greifen – Unternehmen sollen also erklären, wie sie die Empfehlungen konkret umsetzen.

Das ist im Kern ein guter Gedanke, weil es Reflexionen und Diskussionen in den Unternehmen fördert. Und die sind aus meiner Sicht der Schlüssel zu einer neuen, besseren Corporate-Governance-Kultur. Ich habe deshalb bereits 2017 im Zuge meines Entwurfs für einen innovativen Kodex für „apply and explain“ plädiert (und bin damit bei der Kommission auf Desinteresse gestoßen).

Freue ich mich deshalb über das Umdenken? Nein, denn die Sache hat einen großen Haken: Die Kommission will das Prinzip nicht statt, sondern ergänzend zu „comply or explain“ einführen. Vorstände und Aufsichtsräte müssen sich also weiterhin rechtfertigen, wenn sie Empfehlungen nicht folgen und damit dem von der Regierungskommission definierten Ideal nicht entsprechen.

Neue Wege beim Reporting

Dass sie darüber hinaus jetzt auch noch erläutern sollen, wie sie die restlichen Empfehlungen umsetzen, dürfte den Eindruck verschärfen, dass es bei Corporate Governance in Deutschland vor allem um Bürokratie und Bevormundung geht. Und das führt zu Formalismus statt zu Reflexion.

Wer wirklich Reflexionen und Diskussionen anregen will, müsste allein und konsequent auf „apply and explain“ setzen – und zwar auf Basis eines Kodexes, der aus wenigen, dafür aber umso prägnanteren Prinzipien besteht. So erhielten Unternehmen den dringend erforderlichen Spielraum für individuelle, maßgeschneiderte Umsetzungen, die sie dann „erklären“ können (damit würden sie die Kodex-Prinzipien sozusagen selbst mit Leben füllen).

Das würde zudem einen völlig neuen Ansatz in Sachen Reporting ermöglichen, weshalb sich inzwischen immer mehr Reporting-Experten mit dem „Apply-and-Explain“-Prinzip beschäftigen. Ich empfehle in diesem Zusammenhang einen Blick auf die Reform des Corporate-Governance-Kodexes in Südafrika („King IV“), die ich intensiv beobachtet und bei meinem Entwurf berücksichtigt habe.

Die Kommission macht es sich zu einfach

Der Blick auf „King IV“ untermauert im Übrigen auch, dass „Apply and Explain“ aus der monistischen Welt der „One-Tier-Boards“ stammt. Das Prinzip kann deshalb nicht mit einem Federstrich auf unser dualistisches System mit Vorstand und Aufsichtsrat übertragen werden, wie es die Regierungskommission anzunehmen scheint.

Wir müssen das Prinzip vielmehr „übersetzen“ und für unsere Two-Tier-Struktur handhabbar machen. Es reicht also nicht, den Grundsatz mal eben in den Kodex zu schreiben. Vielmehr müsste die Kommission einen breiten Dialog mit den Unternehmen führen, statt ein solch gewichtiges Thema über die Einbahnstraße namens „Konsultation“ abzuwürgen.

Die aktuelle „Apply-and-Explain“-Debatte ist damit ein weiterer Beweis für meine These: Das, was sich da Kodex nennen will, ist noch lange nicht fertig!

Ergänzungen, Anmerkungen, Widerspruch? Ich freue mich auf Ihr Feedback: dehnen@vard.de

Editorial von Peter H. Dehnen -> Zur Person.

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