#KodexWende

#FutureGoodGovernance

Aufsichtsräte sind in den letzten Jahren deutlich professioneller geworden. Was sie jetzt brauchen, um (noch) besser zu werden.

Kompetenz

Die HV-Saison hat begonnen, und es wird wieder verstärkt über Aufsichtsräte diskutiert: Aktionäre hinterfragen die Kompetenz von Kandidaten, pochen auf mehr Unabhängigkeit und kritisieren hohe Boni. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich finde die Debatten richtig und wichtig, und wir Aufsichtsräte sollten uns ihnen stellen.

Was angesichts lautstarker Kritik jedoch bisweilen in Vergessenheit gerät: Ein großer Teil der Aufsichtsräte ist gut aufgestellt und macht einen ordentlichen bis sehr guten Job. Die Zeiten, in denen Vorsitzende Buddies aus ihrem Netzwerk engagierten, sind vorbei; in den letzten Jahren sind zahlreiche hochkompetente Expertinnen und Experten in die Aufsichtsräte eingezogen.

Wer die heutige Zusammensetzung eines Gremiums mit der vor zehn Jahren vergleicht, wird deshalb in vielen Fällen feststellen: Die Diversity hat sich nicht nur in Form einer höheren Frauenquote verbessert. Zudem sind vielerorts junge Aufsichtsräte und neue Kompetenzen dazugekommen.

Entfesselt die Aufsichtsräte!

Zugleich hat sich auf breiter Front die Erkenntnis durchgesetzt, dass Aufsichtsrat ein Beruf ist, und damit ist auch ein Berufsethos entstanden. Und ich glaube, dass wir von der Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland dazu einen Beitrag geleistet haben.

Die Fortschritte sollten uns aber nicht zur Zufriedenheit verleiten, sondern Ansporn sein, (noch) besser zu werden. Genau deshalb setze ich mich für die #KodexWende ein. Denn ich stelle immer wieder fest: Die kleinteiligen Vorgaben sorgen für Corporate-Governance-Verdrossenheit und haben mit der Realität der Aufsichtsratsarbeit nur noch wenig zu tun.

Ich bin deshalb überzeugt: Im Rahmen des derzeitigen Corporate-Governance-Korsetts sind keine großen Fortschritte mehr möglich. Dafür bräuchten Aufsichtsräte Freiräume für individuelle, maßgeschneiderte Governance-Strukturen – und Leitlinien für die Themen, die heute wirklich wichtig sind. Wem nutzen Regelungen in einem Kodex, die die Wirklichkeit nicht widerspiegeln?

Dann könnten sie sich im Übrigen auch besser für den Dialog mit den Aktionären wappnen. Denn spätestens der diesjährige „CEO Letter“ von BlackRock-Chef Larry Fink hat gezeigt: Viele Investoren wollen heute über komplexe Themen wie Unternehmenskultur und Nachhaltigkeit reden – und nicht einzelne Punkte abhaken. Ein Kodex, der aufs Abhaken setzt, ist deshalb ein Anachronismus.

Ergänzungen, Anmerkungen, Widerspruch? Ich freue mich auf Ihr Feedback: dehnen@vard.de

Editorial von Peter H. Dehnen -> Zur Person.