#kodexwende

Der Berg kreißte und gebar ein Mäuslein (nach Horaz). Wir haben einen neuen Corporate Governance Kodex, den niemand braucht. Mund abwischen, weitermachen!

Kodex

Endlich ist das Warten vorbei. Die sogenannte Regierungskommission hat vor gut einer Woche den Entwurf eines neuen Kodex verabschiedet – und erstmal in die Schublade gelegt. Jetzt warten alle auf die Verabschiedung des ARUG II, und erst dann soll der Kodex-Entwurf – angepasst an das Gesetz – der   neuen Bundesjustizministerin (vielleicht wird es ja auch – zumindest kommissarisch – ein Mann) vorgelegt werden. Und unabhängig davon, wer gerade als Minister amtiert, wird Ministerialrat Ulrich Seibert an der Pforte stehen und den Kodex vermutlich durchwinken.

Zwei Jahre hat die Kommission gebraucht, um ihr Werk vorzulegen. Was hätte man in der Zeit ‚gemeinsam‘ alles schaffen können! Für den ersten Entwurf brauchte sie eineinhalb Jahre – und kassierte mehr als 120 mehrseitige, zum Teil äußerst kritische Stellungnahmen. Diese wurden in bekannter Manier verarbeitet: hinter verschlossenen Türen. Dabei wäre es spannend gewesen, zu sehen und zu lesen, wie sich die Kommission mit den kritischen Stellungnahmen auseinandersetzt. Aber so viel Transparenz ist offenbar zu viel verlangt. Wo kämen wir da auch hin?

Ich will allerdings nicht ungerecht sein. Gemessen an ihrer eigenen Zielsetzung einer ‚grundlegenden Überarbeitung‘ hat die „Regierungskommission“ um ihren Vorsitzenden Rolf Nonnenmacher geliefert. Ich hatte mir unter dieser Zielsetzung zwar deutlich mehr vorgestellt, nämlich das Erreichen eines ‚next level‘ – aber das war wohl mein Fehler.

Ein bisschen Licht – und viel Schatten

Ich könnte jetzt eine Vielzahl von Schwächen und Kritikpunkten auflisten – vom schwammigen „Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns“ bis hin zur fehlenden Erklärung, was eigentlich eine ‚Regierungskommission‘ ist und wer dieser welchen Arbeitsauftrag gibt – , aber erwähnen wir zunächst das Positive:

Der Kodex hat jetzt weniger Seiten, besteht aus kurzen Sätzen und hat eine einigermaßen übersichtliche Gliederung. Zudem weiß die Welt jetzt, dass in Deutschland das Thema ‚Vorstandsvergütung‘ besonders wichtig und umfangreich geklärt ist.

Das Problem: Was in dem neuen Kodex steht, tut keinem mehr wirklich weh. Man könnte auch sagen: der Neue ist bedeutungslos. Sobald er in Kraft tritt, kann er gleich wieder in der Schublade verschwinden. Niemand braucht ihn. Die Institutionellen, die Proxies, die Hedgefonds und die Aktivisten haben schon längst das Ruder übernommen. Die können es sich leisten den neuen Kodex als ‚sehr interessant‘ zur Kenntnis zu nehmen.

Nota bene: Hier von einer ‚Selbstverpflichtung der deutschen börsennotierten Unternehmen‘ zu sprechen, ist wohl eher als Scherz gemeint. Keines der betroffenen Unternehmen hätte sich – nach zwei Jahren Arbeitszeit – getraut, ein solches Produkt vorzulegen..

Warum die Erwartungen leicht zu erfüllen waren

Und weil es kein anderer tut, feiert die „Regierungskommission“ sich und ihr Werk gleich selber – man sieht sich international ganz vorne dabei. Die Reaktionen der Presse auf den ‚Kodex-Knaller‘ waren höflich, mild und sanft kritisch. Offenbar sind alle froh, dass das Gehampel endlich vorbei ist. Um es auf den Punkt zu bringen: Mittlerweile waren die Erwartungen so niedrig, dass es schwer war diese nicht zu erfüllen.

Armes, blutleeres, apathisches Corporate Governance Deutschland! Dabei ist die Zeit reich an spannenden Themen. Man denke an Volkswagen, ThyssenKrupp, jetzt neuerdings Bayer und Deutsche Bank, um nur einige wenige zu nennen. Man denke an Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Digitalisierung. Kann der neue Kodex hier etwas bewirken, kann er den Aufsichtsräten und Vorständen eine hilfreiche Leitlinie für ihr Handeln sein? Nein? Aber wofür brauchen wir dann einen solchen Kodex?

Haken wir also das Thema Nonnenmacher-Kodex ab und wenden wir uns der Zukunft zu, die – wie wir alle wissen – bereits gestern begonnen hat: Die Initiative #KodexWende der Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland (VARD) läuft weiter und wir arbeiten mit Hochdruck an einem neuen Kodex für eine neue Zeit, ganz nach dem Motto: Jetzt erst recht! Dabei konzentrieren wir uns auf die Corporate-Governance-Themen, die Aufsichtsräte und Vorstände bei ihrer Arbeit wirklich tangieren – und Sie können mitmachen: Registrieren Sie sich unter redaktion@kodexwende.de, um wichtige Termine nicht zu verpassen.

Ergänzungen, Anmerkungen, Widerspruch? Ich freue mich auf Ihr Feedback: herausgeber@germanboardnews.com

Editorial von Peter H. Dehnen -> Zur Person.